FAIR

Familienfreundliche Beschäftigungs- und Qualifizierungsmodelle für niedersächsische Unternehmen

Warum sollten Arbeitgeber in Familienorientierung investieren?

Sind Arbeitnehmer nicht hauptsächlich selbst für ihr Privatleben verantwortlich? Sind die Themen Familie, Kinder, alternde Gesellschaft, Nachwuchsmangel, Fachkräftesicherung, Arbeit und Gesundheit nicht eher politische Themen, für die der Staat zuständig ist? Oder ist es betriebswirtschaftlich sinnvoll, wenn nicht gar notwendig, dass Arbeitgeber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Berufsleben beachten und organisieren?

Der betriebliche Alltag

MitarbeiterInnen fallen aus unterschiedlichen Gründen kurz-, mittel- oder langfristig aus. Unternehmen müssen mit diesen Ausfällen umgehen und versuchen, negative Auswirkungen möglichst gering zu halten. Krankheitsbedingte Ausfälle können durch Belastungen im Beruf mitbedingt oder verursacht werden.

Es ist absehbar, dass vor allem die Pflegeanforderungen aufgrund höherer Lebenserwartung steigen werden. Dementsprechend werden MitarbeiterInnen verstärkt damit konfrontiert, Beruf und Pflege zu vereinbaren.

Vor allem weibliche Fachkräfte haben es weiterhin schwer, Anforderungen durch Beruf und Familie effektiv zu verbinden und ziehen sich aufgrund dessen häufig ganz oder teilweise aus dem Berufsleben zurück. Die Suche und Einarbeitung neuer Mitarbeiter kostet Geld und Zeit.

Schon heute ist es nicht leicht, passende Fachkräfte für das Unternehmen zu finden, zu halten, den individuellen Kompetenzen entsprechend einzusetzen und den sich ändernden Anforderungen entsprechend zu qualifizieren.

Es lohnt sich zu untersuchen,

  • welche Ausfälle verhindert oder wenigstens reduziert werden können
  • was Unternehmen tun können, damit sich vermeidbare Ausfälle weniger negativ auswirken und
  • wie Unternehmen durch gute Arbeitsbedingungen Ihren Fachkräftebedarf sichern können.

Der betriebliche Nutzen bei organisierter Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Anforderungen

Wenn es möglich ist, berufliche und private Verpflichtungen und Interessen lebensphasenspezifisch zu verbinden, wirkt dies dauerhaft positiv auf Motivation, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Ausgeglichenheit. Das heißt, dass unnötige Belastungen vermieden werden können, wenn Unternehmen Strukturen entwickeln, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen.

Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive fördert eine familienfreundliche bzw. –unterstützende Unternehmenspolitik die Bindung der MitarbeiterInnen, fluktuations- und ausfallbedingte Kosten sinken. Zusätzlich wird das Image des Unternehmens positiver.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter messen Familienfreundlichkeit an:

  • planbaren und flexiblen Arbeitszeiten
  • der Erleichterung des Wiedereinstiegs
  • der Möglichkeit, auch zu Hause arbeiten zu können
  • einem familienfreundlichen Betriebsklima

Eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist Ergebnis eines umfassenden Prozesses, für dessen Gelingen die stetige Kompetenzentwicklung der beteiligten Akteure von entscheidender Bedeutung ist.

Wenn es im Unternehmen Strukturen gibt, die regeln, wie mit Ausfällen umgegangen wird, wenn es Vertretungsregeln gibt, wenn MitarbeiterInnen dabei unterstützt werden, möglichst schnell wieder arbeitsfähig zu werden, können ansonsten übliche Ausfall- und Einarbeitungskosten reduziert werden. Mittelfristig können qualifizierte Arbeitskräfte mit ihren Erfahrungen und Kontakten (zu internen und externen Kunden) im Unternehmen gehalten werden. Konflikte, die unter Kollegen entstehen, wenn eine angebliche oder tatsächliche Benachteiligung bei der Vereinbarkeit von beruflichen und privaten Verpflichtungen und Interessen empfunden wird, werden durch transparente und allgemein gültige Regelungen vermieden. Allgemein gilt: Wenn Unternehmen sich für die Bedürfnisse ihrer MitarbeiterInnen interessieren und deren Verpflichtungen und Pläne berücksichtigen, engagieren sich die MitarbeiterInnen im Umkehrschluss intensiver für die Ziele und Interessen ihres Unternehmens. Durch das gegenseitige Verständnis verbessert sich so neben dem Arbeitsklima auch die Arbeitseffektivität.

Das Projekt FAIR: Betriebe organisieren die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Ziel des Projekts ist es, Methoden und Instrumente zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu entwickeln, zum Abbau von geschlechtsspezifischen Entwicklungsbarrieren beizutragen und die berufsbegleitende Weiterbildung durch familienfreundliche Personal- und Organisationsentwicklung zu begleiten.

FAIR richtet sich an MitarbeiterInnen aus überwiegend kleinen und mittleren Unternehmen und trägt zu einer verbesserten Anpassungs- und Reaktionsfähigkeit bei. Das Projekt leistet Unterstützung bei der Sicherung von Fachkräften, es sorgt für Kompetenzaufbau und –erweiterung, Kostenreduzierung bei der Durchführung von Qualifizierungen und ermöglicht gemeinsames Lernen.

Die Handlungsfelder von FAIR liegen in 3 Kernbereichen:

  1. Arbeitsgestaltung
    - Arbeitszeit- und Arbeitsplatzgestaltung … 
  2. Personal- und Organisationsentwicklung / Personalbindung
    - Familienfreundliche Unternehmensführung und Unternehmenskultur
    - Vereinbarkeitsfördernde Bindungsprogramme
    - Bedarfsorientierte Qualifizierungen …
  3. Flankierende Dienstleistungen
    - Kinderbetreuung
    - Familiäre Pflege
    - Regel- und Ferienbetreuung …

FAIR arbeitet in der Regel mit folgenden Instrumenten und Methoden:

  • Analyse- und Diagnoseverfahren
  • Qualifizierungen
  • Beratungen
  • Hilfe zur Selbsthilfe

Ziele und Zielgruppen des Projekts

FAIR verfolgt das strategische Ziel, durch Aktivitäten der berufsbegleitenden Bildung, der Arbeitsorganisation und der Entwicklung von Konzepten zur Integration flankierender Dienstleistungen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern sowie geschlechtsspezifische Entwicklungsbarrieren abzubauen oder zu vermeiden. FAIR wirkt dabei integrativ auf Ebene der Beschäftigten und auf Ebene des Unternehmens.

Für Beschäftigte vor und während familienbedingter Betreuungszeiten werden gezielt Konzepte entwickelt und erprobt, die geeignet sind, biografische Brüche zu vermeiden. Diese berücksichtigen neben fachlichen auch sozial-kommunikative Elemente. Die Projektergebnisse werden für die Möglichkeit einer breiten Anwendung bereits während der Projektphase erprobt und transferiert.

Ohne die Bereitschaft einer gesamten Belegschaft können Strategien für mehr Betreuungs- und Familienorientierung nicht erfolgreich umgesetzt werden. Aus der Zielstellung und dem sich daraus ableitenden Handlungsansatz ergeben sich deshalb vier zentrale Fokusgruppen mit jeweils unterschiedlichen Handlungsschwerpunkten:

  1. Führungskräfte als wesentliche Multiplikatoren werden schwerpunktmäßig an Aktivitäten zu den Themen Arbeits- und Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und Personalbindung sowie flankierende Dienstleistungen beteiligt.
  2. Für Beschäftigte in Vorbereitung auf Betreuungszeiten werden u. a. exemplarisch Modelle für den Erhalt von Handlungskompetenz am Arbeitsplatz und zur Aufrechterhaltung des Kontakts mit dem Arbeitsumfeld entwickelt und erprobt.
  3. Beschäftigte während der Betreuungszeiten werden durch Verfahren des selbstgesteuerten Lernens, auch unter Nutzung von Blended-Learning-Verfahren, in ihrer Beschäftigungsfähigkeit gestärkt.
  4. Beschäftigte nach Betreuungszeiten werden nach Wiederaufnahme der Beschäftigung "fit" gemacht für einen reibungslosen Wiedereinstieg.

Durch den oben dargestellten, integrativen Handlungsansatz entspricht FAIR in besonderer Weise dem strategischen Ziel: "Zukunftsfähige Gestaltung von Bildung, Forschung und Innovation".

FAIR plant dabei die Umsetzung von Maßnahmen, die eine bessere Vereinbarkeit von Arbeiten und Privatleben ermöglichen und entspricht damit den europäischen Leitlinien für beschäftigungspolitische Maßnahmen. Im Rahmen der Querschnittsthemen nimmt das Thema Chancengleichheit eine herausgehobene Bedeutung ein. Zum einen wird der genderoffene Zugang zu den Projektaktivitäten in den Vordergrund gestellt. Zum anderen tragen die geplanten Umsetzungsaktivitäten dazu bei, die Anschlußfähigkeit von Wissen und Können vor, während und nach der Wahrnehmung von Betreuungsaufgaben zu sichern. Da diese Aufgaben aktuell in erster Linie von Frauen wahrgenommen werden, kann ein Beitrag zum Abbau von geschlechtsspezifischen Entwicklungsbarrieren geleistet werden.

Nutzen

Durch die Umsetzung des Projekts FAIR erzielen die mitwirkenden KMU und deren Beschäftigte, neben der Methodenkompetenz, folgenden zielgruppenspezifischen Nutzen:

  1. Beschäftigte mit Betreuungsaufgaben bleiben bzw. werden aktiv in die betrieblichen Prozesse einbezogen.
  2. Beschäftigte ohne (aktuelle) Betreuungsaufgaben werden in die Aktivitäten einbezogen und damit in die Handlungsansätze integriert.
  3. Kleine und mittlere Unternehmen in Niedersachsen erhalten konkrete Handlungsanleitungen zur Gestaltung einer familienfreundlichen Personalarbeit und zur verbesserten Nutzung des Potenzials der Beschäftigtengruppe mit Betreuungsaufgaben.
  4. Alle Zielgruppen profitieren von den entwickelten und erprobten Curricula, transferierten Erfahrungen und Ergebnissen sowie Vernetzungen.

Geplante Aktivitäten zur Umsetzung der Ziele und Zielerreichungsindikatoren

Das Projekt FAIR wird in den oben genannten Handlungsfeldern umgesetzt – dabei wird das Gesamtvorhaben in drei Teilprojekte gegliedert: Arbeitsgestaltung, Personalentwicklung und –bindung und flankierende Dienstleistungen. Die Arbeitsprozesse werden in den Phasen Entwicklung, Erprobung und Transfer umgesetzt.

Innovationspotenzial

Die Betriebsgrößenstruktur weist eine bestimmte Kleinteiligkeit aus, die zu einer Reihe von Problemen insbesondere im Bereich von Personal- und Organisationsentwicklung führen. Oft fehlt den betrieblich Handelnden trotz eines vorhandenen Problembewusstseins und vorhandener Handlungsbereitschaft das Know-How und die Kapazität, Lösungsansätze zu entwickeln, umzusetzen und zu verbreiten.

Diesen strukturellen Herausforderungen begegnet FAIR und erarbeitet, erprobt und transferiert integrierte Lösungsansätze, die die Handlungsfelder Personalentwicklung, Organisationsentwicklung und flankierende Dienstleistungen beinhalten.

Integriertes Gesamtkonzept

Die drei Handlungsfelder Arbeitsgestaltung, Personalentwicklung, Personalbildung und flankierende Maßnahmen werden mit Beginn des Projekts getrennt aufbereitet, in den Unternehmen erprobt, überarbeitet, aufeinander abgestimmt und danach als Gesamtkonzept umgesetzt. Die in Phasen gegliederte Umsetzung ist in strategische Prozesse und Meilensteine gegliedert. Die Beteiligung der Unternehmen und der Beschäftigten wird über eine projekteigene Website unterstützt, mit der eine Kommunikationsplattform für den internen Kommunikationsprozess der Projektbeteiligten angeboten und von der HANNO Bildung und Beruf GmbH moderiert wird. Hier kann auch der Prozess des Blended Learning während der Betreuungszeit gestaltet werden.

Der beteiligungsorientierte Projektansatz von FAIR zielt darauf ab, das einzelne Unternehmen bei der Problemsichtung und bei der Bedarfsfeststellung zu begleiten und sowohl inhouse wie vernetzt mit anderen Unternehmen adäquate Lösungen zu entwickeln.

Im Rahmen einer Abschlußveranstaltung werden die Arbeitsschritte und spezifischen Umsetzungsprozesse reflektiert, präsentiert und mit Blick auf die Zukunft weiter entwickelt.

Innovationsgehalt des Projekts

Das Projekt FAIR entwickelt speziell für KMU ein familienfreundliches Gesamtkonzept von der einzelbetrieblichen Vorbereitung über die Begleitung während der Betreuungszeit bis zum Wiedereinstieg.

In den vergangenen Jahren hatten zwar verschiedene Prozesse der Auseinandersetzung mit dieser Thematik in den Unternehmen stattgefunden, aktuell von besonderem Interesse ist jedoch die Frage, ob und wie die Unternehmen in der zunehmend sich vertiefenden Krisenzeit mit solchen eher als weich bezeichneten Themen umgehen werden. Erkennbar ist gegenwärtig eine gewisse Verunsicherung in den Unternehmen, wie sie bei den zunehmend spürbaren Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise reagieren sollen. Es ist daher ermutigend, dass eine hohe Anzahl an Betrieben Interesse an einer Mitwirkung per LOI bekundet hat. Das Projekt wird sich der Aufgabe stellen müssen, bei wieder zunehmender Arbetislosigkeit eine langfristige Familienfreundlichkeit in den Unternehmen zu befördern.

Demografischer Wandel

Der demographische Wandel ist für FAIR ein wesentlicher betriebswirtschaftlicher Orientierungsrahmen, denn die zunehmend erkennbar werdende Verknappung der Fachkräfte muß bei einer vorausschauenden Personalentwicklung bereits heute bedacht und beantwortet werden.

Demografischer Wandel bedeutet auch, dass die immer älter werdenden Menschen zunehmend der Pflege bedürfen. Familienzeiten werden daher nicht nur wegen der Kinderbetreuung erforderlich, die zunehmenden Pflegeerfordernisse bedingen mehr und mehr Regelungen, die eine Betreuung der Familienmitglieder und eine Berufstätigkeit nebeneinander zulassen. Auf diese Aufgabe ist das Projekt FAIR ausgerichtet.

Nachhaltigkeit

Die in den beteiligten Unternehmen durchgeführten Aktivitäten der strategischen Ausrichtung zu diesem Problemkreis auf der Führungsebene, die Qualifizierung der Personalfachkräfte und die Einbeziehung der Beschäftigten auf bevorstehende, laufende und abgeschlossene Unterbrechungszeiten wegen der Familienzeit bewirken im Unternehmen eine veränderte Arbeits- und Wertekultur und dies ist neben den Kostenfaktoren die wesentliche Voraussetzung einer nachhaltigen Wirksamkeit.

Chancengleichheit / Nichtdiskriminierung

Insbesondere Frauen, die überwiegend Familienzeiten absolvieren, aber auch Männer werden an den Prozessen beteiligt. Damit wird ein Beitrag zur Anpassung der Geschlechter geleistet. Insbesondere Frauen können ihre langfristigen Karrierechancen ausbauen.